Robert Stauffer
Fidele junge Kirchenmänner

Am Nachmittag sprach ich im Gellért-Thermalbad in Budapest einen jungen Mann ungarisch an: »Spre- chen Sie deutsch?« Er antwortete auf deutsch: »Nein.« Ein paar verlegene Sekunden überbrückten wir mit gegenseitiger Musterung: bis zum Hals von uber 37° heißem Thermalwasser bedeckt, saßen wir auf der engobierten, das große Wasserbassin umlaufenden Sitzbank aus Terrakotta. Um uns herum jüngere und ältere Männer im Gespräch oder dabei, zueinander in Kontakt zu kommen. Eine Badegesell- schaft, die an diesem Nachmittag fast ausschließlich aus homosexuellen Männern bestand. Donnerstag, der Nobeltag, der Aufrißtag im Hinblick auf das kom-

de Wochenende. Erkennbar war das an mehreren Anzeichen: den sehr elegant- provozierenden Körperhaltungen der Gehenden, Stehenden und Sitzenden, ihren fragend-suchenden Augen, dem geschäftigen Betrieb unter den Duschen, den gelegentlichen Rufen und Ansätzen zu exaltierten Schreien und - was in solchen Badegesellschaften immer wieder überrascht - kaum ein vernach- lässigter, von Fressen und Saufen krankgewordener Männerkörper. Grob- schlächtiges Animiergehabe ist selten zu beobachten. lhr Imponiergehabe wird durch zahlreich aufkommende Übersprunghandlungen gemildert. Ich fragte den jungen Mann neben mir, wann das Bad geschlossen würde, und er antwortete fast unfreundlich: »Um 20 Uhr.« Mit vier, fünf Zugen schwamm ich zur gegenüberliegenden Seite des Bassins. Der junge Mann folgte mir sofort und setzte sich neben mich. Nach einigen belanglosen Fragen, die ich an ihn richtete, Wassertemperatur, Krankheiten, die das Thermalwasser - welches aus dreizehn Quellen gewonnen wird - angeblich zu heilen vermag, wurde er etwas gesprächiger. Als ich ihn, so wie von ungefähr, fragte, was für einen Beruf er ausübe, antwortete er: »Mathematik- und Physiklehrer.« »Das glaube ich dir aber nicht, sagte ich, »du siehst aus wie ein Funktionär der kommunistischen Jugendorganisation KISZ - oder wie ein katholischer Priester.« »Nein«, antwortete er bestimmt, »ich bin Lehrer.«
     Die Umkleidekabinen des Dampfbades, die sich ebenerdig auf einer Galerie befinden, stammen aus dem Beginn der Bauzeit des Hotel- und Heilbads Gellért, 1911. Sie sind ähnlich angelegt wie Schlafzellen in katholischen Internaten und Klosterschulen, in denen bloß eine Pritsche und ein schmaler Kleiderkasten Platz haben. Die einzelnen Zellen werden auf den Längsseiten von türsturzhohen Holzwänden voneinander abgetrennt, den Zugang auf den Schmalseiten kann man beim Umkleiden mit einem Leinenvorhang abdecken, was aber, in der Regel, von den Badbesuchern unterlassen wird. Aus kuppelartig gewölbten, farbigen Glasoberlichten fällt Helligkeit in diese Zellen. Durch Zufall hatte ich eine Umkleidekabine auf der Galerie zugewiesen bekommen, die derjenigen des im Bad angesprochenen jungen Mannes direkt gegenüberlag. So konnte ich beobachten, wie er sich ankleidete. Hintereinander schlüpfte er in drei langbeinige Unterhosen und dann in drei langärmlige Leibchen. Über einen schwarzen Wollpullover zog er ein mohnrotes Hemd, dazu eine schwarze Stoffhose und zuletzt einen armeeuniformgrünen, mit Pelz gefütterten Mantel und eine Pudelmütze aus Lammfell. Angezogen wirkte er dicklich und gehemmt, aber gutmütig wie ein nicht mehr ganz junger Pfadfinder.
     Im großen, prunkvoll mit Majolika ausgestalteten Marmorsaal - der Vorhalle und dem Wartesaal zu den Zugängen in die verschiedensten Bäder - trafen wir uns wieder und nahmen auf den dort aufgestellten Stühlen Platz, um für die winterliche Außentemperatur angemessen auszukühlen. Die dreifache Unterkleidung hatte er auf Anraten seiner Mutter angezogen, weil sie eine russiche Rundfunknachrichtensendung gehört hatte, die »strenge Kalte« für ganz Osteuropa voraussagte. Wir einigten uns auf den Besuch der Bierstube im Gellért-Hotel und vollzogen dort ein vermutlich typisches Ostblockstaatenritual: jeder zeigte dem anderen seinen Personalausweis. Ich meinen in rotes Buchbinderleinen gebundenen Schweizerpaß, er seinen weinrot gebundenen ungarischen Personalausweis. Dem Dokument entnahm ich, daß er 1944 in Wien geboren wurde und jetzt römisch-katholischer Pfarrer in einem Dorf in Südungarn war. War mir der junge Mann schon im Thermalbad sympathisch erschienen, obwohl er mich dort auf meine Frage nach seinem Beruf angelogen hatte, fing er mich nun an zu interessieren. Ich hatte vor mir den jüngsten Pfarrer des Landes, der fünf kleine Dörfer betreute. Als Fremdsprache beherrschte er die russiche Sprache vollkommen, und das mit der Absicht und in der Erwartung, im »Ernstfall« mit Russen argumentieren und sich und sein Amt rechtfertigen zu können. Er hatte mit diesem Sprachstudium im Priesterseminar begonnen. In einigen osteuropäischen Ländern hatte er Urlaube verbracht, in Wien sein erstes Lebensjahr. Er lud mich ein, ihn im folgenden Monat in seinem Dorf zu besuchen. Ich sagte zu.
     In Pécs, am Bahnhof, war es kalt. Vorn, bei der Lokomotive, wartete der junge Pfarrer Ernö in seinem armeeuniformfarbenen, mit Pelz gefütterten Mantel auf mich. Neben ihm stand ein dicklicher Mann, der eine schwarze Hornbrille in Schmetterlingsfaçon trug. Ich wurde ihm vorgestellt. Andor hatte mit Ernö das gleiche Priesterseminar besucht, war zwei Jahre älter und in demselben Komitat Pfarrer von zwei größeren Dorfern. »Er ist ein reicher Pfarrer«, meinte Ernö. Wir gingen langere Zeit eine Straße entlang, ohne daß ein Gesprach aufkam. Vor einem Brotladen blieb ich stehen und sagte, daß ich Hunger hätte und gerne etwas Warmes trinken würde. Mein Wunsch wurde nicht ernstgenommen. Andor hatte seinen kleinen Trabant auf einem Platz vor einer Kirche geparkt. Die Reisetasche, die ich bei mir hatte, wurde darin untergebracht, dann besuchten wir die unbedeutende Kirche. Andor wies auf verschiedene Defekte an den Innenmauern und am Dach hin, kniete sich für einige Sekunden nieder, was Ernö und ich ihm nachtaten. Beim Aufrichten sprach Andor einen Segensspruch und schlug über uns das Kreuzzeichen. In der Konditorei »Eva« - »hier können wir hingehen, ohne daß es zu unerwünschten Begegnungen kommt« - durfte ich mich ausruhen und aufwärmen.
     Am Nachmittag saßen wir eine Stunde im Thermalsee von Harkányfürdö, in einem nicht überdachten Bassin, mit warmem Heilwasser gefüllt. Dem Wasser entstieg ein milchig-dicker Dampf, und man konnte seinen Nachbarn kaum sehen. Andor hatte im Wasser süßlich-klebrige Brombeeraugen. Ernö neckte ihn, es wurde klar, daß sie miteinander sehr vertraut waren, denn neben den netten und freundlichen Gesichtern, die sie für mich machten, schauten sie sich oft rasch und durchdringend in die Augen: der Jüngere mit einem stolzen, männlich-lüsternen Ausdruck, der Ältere schmachtend und hingebend weich. Wir trugen Badehosen. Fetthäutige ältere Frauen watschelten durch das warme Wasser, schwammige, weißliche Männerleiber folgten ihnen, verbrauchte, schlaff und schlapp gewordene Körper von Vätern und Müttern, Verwachsene, Krüppel und Kranke.
     Abends fuhren wir ins Dorf der Pfarrei von Andor. Das kleine Pfarrhaus bestand aus vier ebenerdig gelegenen Räumen, einer Küche und einer Vorratskammer: ein bäuerliches Dorfhaus, wie es die Bauern bewohnten, die für einen Großgrundbesitzer arbeiteten. Das mir für die Nacht zugewiesene Zimmer mit weißgetünchten Wänden, einem Stuhl, einem Bett und einem Tisch war im ersten Augenblick meines Betretens angenehm warm. Im Kachelofen brannte Holz, aber die Wände waren noch kalt und feucht. Andor hatte eine Haushälterin angestellt, die für ihn kochte und in der Kirche Mesnerdienste verrichtete, aber nicht im Pfarrhaus wohnte. Für das Abendessen hatte sie große Vorbereitungen getroffen: Backhuhn, Wiener Schnitzel, gebratene Kartoffeln, Reis, eingelegte saure Gurken, später eine Süßigkeit, die sogenannte »Vogelmilch«, und Kaffee. Bier und Wein wurde getrunken. Ernö sang lateinische Studentenlieder, Andor säuselte mit, die Haushälterin stand wie einbeinig unter dem Türsturz, der zur Küche führte, tischte auf, räumte ab, trällerte in der Küche Strophen von Volksliedern vor sich hin, wurde gebeten, uns ein Lied vorzusingen, und nach einem zünftigen Schluck Weißwein trat sie für uns auf. Sie war alt, vielleicht achtzig Jahre, mit einem zahnlosen Mund und einem Augenlid auf der linken Seite, das sie kaum heben konnte. Als dies doch einmal geschah, sah ich, daß das Auge blind war. Zwei Buben kamen durch die Küche zu uns in die Stube - Ministranten. Sie bekamen Anweisungen vom Pfarrer und für den Nachhauseweg von den übriggebliebenen Backhuhnstücken. Der junge Leiter der kommunistischen Jugendorganisation des Dorfes machte, wie er sich ausdrückte, zu »Ehren des Gastes« einen Höflichkeitsbesuch. Er nahm Platz am Tisch trank vom Weißwein, aß etwas von den Resten, lachte, sang, lateinisch, ungarisch, klopfte Ernö kameradschaftlich auf die Schultern. Die beiden Pfarrersmänner erhoben sich von ihren Stühlen, boxten verspielt und wie gutmütig balgende Katzen miteinander, ein weicher, freundlicher Schlagabtausch, bloß für einige Sekunden. Ernö umklammerte die Schultern des jungen Leiters, ließ sie los und setzte sich wieder an den Tisch. Ich war müde. Bei der unbeholfenen Verabschiedung vom Leiter der kommunistischen Jugendorganisation nahm ich dessen Einladung an, ihn in seinem Haus zu besuchen und an einem Klubabend des KISZ teilzunehmen. »Hier im Dorf haben wir sehr hübsche Mädchen«, meinte er augenzwinkernd. Die geistlichen Herren erhoben sich von ihren Stühlen: sie trugen Soutanen und gingen nun in der Stube auf und ab, sich ins Brevier einbetend. Ich ging in das weißgetünchte Zimmer und legte mich schlafen.
     Im ersten Einschlummern weckte mich Ernö auf. Leise hatte er die Holztüre geöffnet, aber, von der Feuchtigkeit verzogen, schnappte das Schloß beim Schließen nicht sofort ein, er mußte die Türe mit etwas Druck gegen die Aufhängung in den Angeln schließen und verursachte dabei ein Geräusch, welches seine Unternehmung verriet. Er trug einen Slip und setzte sich zu mir auf die Bettkante. Im dunklen Zimmer fuhr er mir mit einer Hand sehr sachte und ruhig übers Haar, mit der anderen streichelte er mir über die Brust, langte entlang den Flanken zu den Lenden und umfaßte mit zügigem Druck mein längst schon heftig erregtes Glied. Warum wir diese Nacht im Pfarrhaus von Andor übernachten mußten und nicht schon in seinem bloß einige Kilometer entfernt liegendem Dorf, erklärte er mit wenigen Worten: Andors Interesse an einem ausländischen Schriftsteller und eben die landesübliche Gastfreundschaft. Etwa in der zweiten Minute von Ernös Bettkantenmonolog, wahrend dem ich auch sein Glied mit der größten Vorlust in meinen Händen hielt, klopfte es an der Holztüre, und Andor rief in aufgebrachtem Ton: »Kinder, jetzt aber Schluß«, riß die Türe auf und zog Ernö heftig am Oberarm vom Bett weg, aus dem Zimmer hinaus in den angrenzenden Raum. Die beiden, Andor noch in der Soutane und Erno nackt bis auf den Slip - ein gutgebauter männlicher Korper, vom Gegenlicht konturiert - zankten, stritten, widersprachen einander in russischer Sprache, damit ich so wenig als möglich davon verstehen konnte. Die Tür wurde mit dem Schlüssel, der an der Außenseite steckte, abgeschlossen und der Schlüssel vom Schloß abgezogen. Auf meiner Armbanduhr war es kurz nach 23 Uhr. Eine Stunde lang tobte, fluchte, donnerte, bellte und schimpfte Andor auf Ernö ein, dann legte sich seine Erregung und nur manchmal vernahm ich noch einen murrenden Laut, den ich allerdings Ernö zuschrieb. Ein Transistorradio wurde in Betrieb gesetzt, ein Unterhaltungsmusikprogramm eines jugoslawischen Senders.
     Zeitig verließ Andor in der Früh das Pfarrhaus. Ernö weckte mich, schon angezogen. In der kalten Küche nahmen wir ein Frühstück zu uns, welches aus einem Absud von Teekraut, Brot, Speck, harten Eiern und geräucherter Hartwurst bestand. Die Haushälterin rieb sich über dem Herd die Hände warm, kicherte aus ihrem zahnlosen Mund und gab mir später, auf dem Weg zum WC, einen Kübel Wasser mit, in dem eine glasklare Eishaut erst durchbrochen werden mußte, um die Flüssigkeit herunterspülen zu können. Ernö sagte zu dem nachtlichen Vorfall kein Wort, aul3er: »Andor ist sehr böse.« Nach langem, dreistündigem Warten kam er von der Frühmesse und dem Religionsunterricht zuruck, fuhr uns in seinem Trabant bis vor Ernös Pfarrhaus und legte mir ans Herz, als ich ihm zum Abschied die Hand gab: »Fahre nach Budapest zurück, sonst zerstörst du eine gute Freundschaft.«
     Ernös Pfarrhaus ist klein. Wenn man es betritt, kommt man zuerst in die Küche. Von ihr aus geht es zu jeder Seite in kleine Zimmer, die nicht mehr Möbel aufnehmen können als Bett, Stuhl, Kleiderkasten und Tisch. Ernös Mutter, eine dürre, aber flinke und immer gutgelaunte Frau um die sechzig, führt den Haushalt. Sie liebt ihren Sohn, kocht mit Vergnügen, umsorgt ihn, wie eine Henne ihr Küken, und nimmt an seiner Arbeit selbstverständlich Anteil.
     Am Nachmittag unserer Ankunft schlief ich vier Stunden im Pfarrbett. Abends besuchte ich die Kirche, die in einem einstöckigen Bauernhaus eingerichtet worden ist. Später bereitete Ernö ein kaltes Nachtmahl. Die Mutter war zur Kirchensängerin umgezogen, damit ich ihr Bett benutzen konnte.
     Ernö erzählte mir seine und Andors Geschichte, die im Priesterseminar begonnen hatte: eine recht normale Geschichte mit »Sünde« und »Reue«, Gewissensängsten und Vergnügen an der Sexualität, der langsam heranschleichenden Langeweile an eingespielten Verhältnissen und der Suche nach neuen Spannungen, Abenteuern, hübschen Burschen... Wir verbrachten die Nacht zusammen in seinem schmalen Bett, eine Hochzeitsnacht von Priester und Laie, von vereinnahmender Gier und Liebeslust.
     Anderentags fuhren wir mit der Bahn zusammen nach Budapest zurück. Er saß mir gegenüber, vergnügt, zufrieden. Im Geschäft für religiöse Artikel wollte er Messbildchen und Zertifikate für die Erste Heilige Kommunion kaufen. Vielleicht noch einige Rosenkränze, Kerzen und Stoff für Ministrantenröcke. Er las die kleine Ausgabe eines ungarischen Witzblattes, lachte, zeigte mir Bilder ohne Worte. In der Zugkantine tranken wir Kaffee, der aus einer Thermosflasche in die Tassen gegossen wurde. Beim Zahlen zog Ernö aus seinem Portemonnaie das Paßfoto eines jungen Mannes: der älteste Ministrant seines Dorfes. Er hatte ihn fur das Priesterseminar in Esztergom angemeldet. »Mein Liebling.« sagte er schmunzelnd.
     Einige Monate später fuhr ich auf einer Autoreise durch Transdanubien zum jungen Dorfpfarrer Ernö, ohne daß Andor etwas davon erfahren durfte. Angekommen im Dorf, sah das Pfarrhäuschen verschlossen aus, die hölzernen Fensterläden waren zugeklappt, aber nach längerem Klopfen an der doppelten Haustüre öffnete Ernös Mutter, verschlafen, angetan mit nur einem schwarzen Unterrock, der auch für einen Überrock hätte gehalten werden können. Sie kleidete sich erst richtig an, bevor sie mich ins Haus, in die Küche eintreten ließ. Rasch war eine Zwischenmahlzeit zubereitet. Ich holte Wasser beim Ziehbrunnen, suchte das Häusel im Hofgarten auf, schlug den Staub aus einer Wolldecke. Die Kirschbäume blühten. Frühlingsblumen sprossen auch dort, wo ich noch vor einigen Wochen auf die gefrorene Erde ein mit Urin gefülltes Glas ausgegossen hatte. Ich erinnerte mich jener Nacht, als ich mein Wasser in das Weinglas abschlug, weil ich den Pfarrer nicht aufwecken wollte, damit er mir den Weg in den Hof zum Häusel zeigte. Am Morgen goß ich den Urin zum Fenster hinaus über eine blattlose Staude. Im Schlaf-Studier-Beichtzimmer des abwesenden Pfarrers sah ich mich gründlich um: ein demontiertes Straßenbahnschild einer Budapester Straßenbahnlinie war an die Rückseite eines Kleiderkastens geheftet, über einem Betstuhl hing die violette Stola, auf dem Schreibtisch lag eine aufgebrochene Kartonschachtel, die Hostien enthielt, und an der einen Wand hing ein Plakat mit einer Farbreproduktion einer männlichen Aktstudie von Leonardo da Vinci. Ein schmaler, hoher Dokumentenschrank mit fünfzehn flachen Schubfächern zum Aufbewahren von Papieren stand offen da. Die obersten Schubfächer waren leer, nach unten sammelte sich bloß Staub auf den Ablageflächen. Im untersten Schubfach lag ein amerikanisches Magazin »Hellenic Sun« mit schwarzweißen und farbigen Abbildungen nackter Burschen und junger Manner. Die Epheben waren mit ordentlich großen, knapp vor der gänzlichen Erektion befindlichen Genitalien ausgestattet, der Ausdruck ihrer Gesichter war verschmitzt, lüstern und geil. Es waren hübsche amerikanische Manntierchen, Pin-Up-Boys. Etwas englischer Text war dazugedruckt, der sich offensichtlich an Madchen richtete und ihnen riet - der Gesundheit und Aufklärung wegen - sich mit dem später in ihrem Leben die wesentlichste Rolle spielenden männlichen Partner zu befassen und sich nicht zu scheuen, den Körper eines jungen Mannes kennenzulernen. Ratschläge für beide Geschlechter, wie die Haut zu reinigen, zu pflegen und in der sonnigen Jahreszeit richtig zu bräunen sei, schlossen den Textteil ab. Der männliche Körper war mit einem emphatischen Vokabular beschrieben. Dieser Text machte auf die Jungen, die im Glast hellenischer Sonne fotografiert waren,schlechtweg »scharf«. Ich legte das Magazin zurück und zog das Rouleau des Dokumentenschranks herunter. Das Schloß schnappte ein.
     Einige Minuten vor Mitternacht traf Ernö mit einem Personenzug im Dorfbahnhof ein. Ich holte ihn beim Gleis ab. Er trug leichtes Gepäck: in einer schwarzen Aktentasche den elektrischen Rasierapparat und eine Badehose. In Budapest war er im Gellért-Thermalbad gewesen und hatte wiederum im Geschäft für religiöse Artikel Stoff fur Ministrantenröcke bestellt.
     Für diese Nacht wurde mir Kammer und Bett der Mutter zugewiesen. Ernö nahm eine Ausgabe des Witzblattes mit ins Bett. Das Lampenlicht seiner Kammer fiel durch die verglasten Türen in die Küche und hinüber in meinen Raum. Es störte mich, und ich konnte nicht einschlafen. Nach einer Stunde sah ich nach. Ernö war, mit dem Witzblatt in der Hand, eingeschlafen. Pyjama trug er keinen, aber um den Hals hatte er das Goldkettchen mit dem Kreuz als Anhänger, ein Geschenk, welches ich ihm aus Wien mitgebracht hatte. Die Steppdecke war auf den Fußboden geglitten, und ich betrachtete den jugendlichen Männerkörper im Schein der nackten Lampenbirne. Als ich die Decke über ihn legte, zog er die Beine winklig an. Ich knipste das Licht aus und ging in meine Kammer zurück.
     Ich mußte tief geschlafen haben, denn die Zurüstungen zum Frühstück hatte ich nicht gehört. Als ich die Küche betrat, saßen Ernö, Pfarrer Andor und der älteste Ministrant des Dorfes am Tisch, heiter gestimmt, ausgeglichene, fidele junge Männer der Kirche.
     Zwei Jahre später, ich hatte mir einen Schnurrbart wachsen lassen, sprach ich im Gellért-Thermalbad in Budapest einen nicht mehr so jungen Mann deutsch an: »Sprechen Sie ungarisch?« Er antwortete auf ungarisch: »Ja.« Ein paar verlegene Sekunden überbrückten wir mit gegenseitiger Musterung, dann schwamm ich mit vier, fünf Zügen zur gegenüberliegenden Seite des Bassins. Der nicht mehr ganz junge Mann folgte mir sofort nach und setzte sich neben mich.
     Naturlich hatte jeder den anderen sofort erkannt. Aber da watschelte schon ein dicklicher Mann auf uns zu: Andor. Mit süßlich-klebrigen Brombeeraugen, schmachtend und hingebend weich.

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