Caterpillar ist ein Sprechchorstück über ein profanes Thema mit einem fiktiven Monolog einer Arbeiterfrau, deren Mann als Baggerfahrer bei Aushubarbeiten töd- lich verunglückt ist. Die englische Bezeichnung für Raupenschlepper und Bagger, Caterpillar, was so- wohl in der Zoologie wie in der Technik Raupe heißt, gestattet die Verbindung mit der antiken Symbolik: aus der Raupe, später Puppe, schlüpft der Schmet- terling, der nach mythischen Vorstellungen die Seele, Tote, Elben oder Hexen verkörpert. Als Orakeltier kündet er je nach Färbung und Tageszeit Gutes und Böses. Um nicht bloß die Deskription eines Unfalls in der Arbeitswelt realistisch und chronologisch auf- zurollen, wurden Elemente der Motette, des Passi- onsoratoriums und der Melodramatik textbestimmend eingesetzt, die polyphone Gleichzeitigkeit ermögli-

chen. Der Schock plötzlichen Sterbens bestimmt meistens den direkt Anteil- nehmenden zum Schweigen, Trauerarbeit wird weitgehend in den Traumphasen geleistet und durch nacherzählende Rekapitulation des Herganges, der zum Sterben führte. Diese beiden psychologisch notwendigen Durcharbeitungen übernehmen in Caterpillar das sprechchorische Ensemble in der episch-drama- tischen Betrachtung der Unfallsekunden und die Arbeiterfrau in ihrem schlafbe- nommenen Gedankenfluß.

»Tödlicher Unfall.  ‘Caterpillar’, Hörspiel von R. Stauffer (NDR/WDR, 31.10.)
In der genauen Rekonstruktion eines Unglücks, in seiner Vergegenwärtigung, dient die präzise Erinnerung häufig zwei Tendenzen: Das, was passierte, ist so folgerichtig aufeinandergefolgt, daß die Erinnerung immer wieder unausweichlich auf den Punkt trifft, an dem alles zu spät war. Zugleich erhellt sich die Szene des Unglücks so grell, weil irgendwo im Hergang Details auftauchen könnten, die möglicherweise der Sache doch noch eine andere Wendung gegeben hät- ten. Den Vorgang der Rekapitulation eines Unglücks, als eine Phase der Trauerarbeit, hat Robert Stauffer in seinem Hörspiel, das einen tödlichen Arbeitsunfall vergegenwärtigt - ein Arbeiter kommt bei Aushubarbeiten mit seinem Caterpillar, einem Raupenschlepper, ums Leben - durch eine sprech- chorische Nacherzählung dargestellt, in der Phasen des Tathergangs stak- katierend, deklamatorisch-dramatisch wiederholt werden. Die Fixierung auf das Unglück, das retadierende Moment der Erinnerung, agiert dabei in einer fast parodistischen Auflösung einzelner Sätze, in einer Rhythmik, die deren Sinn- gehalt zerstört. Gerade dieses Zerfressen der Sätze weist auf den Schock des tragischen Erlebnisses hin, der, wo er nicht gänzlich stumm macht, das Gewebe möglicher vernünftiger Sätze zerreißt und die Sprache, weil sie das Erlebte nicht wie magisch in zeichenhafter Starre bannen kann, auf ihre mecha- nische, rhythmische, primäre Arbeitsform zurückfallen läßt. Dieser Ebene der Vergegenwärtigung ist der Monolog der Frau des Caterpillar-Fahrers eingelagert. Sie reflektiert den Tod ihres Mannes in einer Reihe von Gedanken und Bildern, die im Sog des halbwachen Traums den Tathergang verschleiern, die Grelle abblenden, dafür im Träumen, im nachgehenden assoziativen Verbinden der Traumarbeit eine andere Deutlichkeit erreichen. Das ‘fahle’, von Bildern durch- hellte Dämmern entfaltet die Doppeldeutigkeit des Wortes Caterpillar. Cater- pillar, englisch, die Raupe. Die Raupe, aus der der Schmetterling kommt. Das Raupentier, das die Erde aufschürft, die Wälder abholzt, das ‘Grab’gefäß - wird zu einem komplexen, träumend diffusen Sinnbild einer gewaltsamen Metamor- phose. Der Tod, die Zerstörung der Lebendigkeit, des Leibes des Caterpillar- fahrers - Unterwerfung lebendiger Natur, auf den die schillernden Schmetter- linge, als die, die diesen Tod an sich selbst erlebt haben, hinweisen. [...] Robert Stauffers Hörspiel, das machen diese kurzen, verkürzenden Beschreibungen deutlich, ist kein realistisches Spiel über einen Arbeitsunfall. Der Ablauf des Geschehens, das, was man gesehen hat, bildet nur die ge-(be)wußte Schicht des Erlebnisses, die in den landläufigen Darstellungen von Arbeitsunfällen - häufig auch in kritischer Absicht - das funktionale Verhältnis von Mensch und Maschine ohnmächtig reproduziert. Die Remythologisierung des Caterpillar- Unfalls, die Stauffer vornimmt, dringt hinter solche funktionelle Beschreibung,

weil der Traum in seinen Bildern folgende Erzählweise ein eng beschreibendes Vokabular überschreitet. Im Rückfall des Träumens stellt sich die unmittelbare Gewalt des Arbeitsprozesses, die Verpuppung des Arbeiters in die Raupe, die gräbt, in sein Grabgefäß, als Unterwerfung von Natur dar, die nur noch im Traum erinnert werden kann. Wer über die Notwendigkeit solcher Remytho- logisierung nachdenkt, sollte Johann Peter Hebels Schilderung eines Arbeitsunfalls im Bergwerk von Falun, ‘Unverhofftes Wieder- sehen’, lesen. Wo Hebel den Tod und den lange verpuppt im Bergwerk liegenden Ar- beiter noch vor den Rahmen von Natur-Ge- schichte stellen kann, realistisch sinnbildlich, weist Stauffers ‘Cater- pillar’ auf die rigide Trennung von Natur und Naturgeschichte, deren Wieder- aneignung nur im Traum noch ein Stück weit gelingt.

Die Regie Hans Rosenhauers, die die berichtenden Stimmen nervös-kühl, den inneren Monolog der Arbeiterfrau schmerz-empfindsam sprechen läßt, ohne die Objektivität der inneren Bilder damit zu psychologisieren, schien mir eine optimale Realisation dieses eindrucksvollen Hörspiels.«
Bernhard Gleim, epd 90/79

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Caterpillar
Hörspiel von Robert Stauffer
Hörprobe: 1 Ausschnitt
Gesamtdauer: 01:50 Stereo
© 1979 NDR / Autor.
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