epd / Kirche und Rundfunk Nr. 87, 3.11.1990
“Frei und losgelöst
Brilium, Hörspielgroteske von Robert Stauffer und Karlheinz Barwasser
(ORF 1, 30.10., 20.30 Uhr)
epd »Brilium ist slábbész.« Wie bitte? Also: »slábbész« bedeutet etwa »o.k.«, »toll«, »super«. Robert Stauffers absurde Wortkreationen rollen auch sonst wonniglich im Mund, genau wie die zart-altrosa »Brilium«-Kapseln in seinem jetzt erst realisierten dramatischen Erstling. Als er ihn 1965 bei Jan Rys’ Hörspieltagung auf Burg Karlstein vorlas, kriegte jenes ungarisch-tschechisch-hebräische Blödelwort alsbald Flügel. [...]Heute ist’s ein symbolischer Preis, der bei den von Stauffer und Günter Unger (ORF Burgenland) nun in Rust weitergeführten Hörspieltreffen durch Akklamation »niederkommen«

kann; er materialisiert sich in einem beschrifteten »Bobby«, zu tragen 24 Stunden auf nackter Brust.
Rollen wir aber jetzt »Briliums« (nämlich des Manuskriptes) »Leidensweg« auf. Daß ein Freund Stauffers sich mit einer Überdosis Psychopharmaka das Leben nahm, war das auslösende Moment, eine Satire über den damaligen ersten großen Tranquilizer-Boom zu schreiben. [...] Angesichts einer über die Risiken noch kaum aufgeklärten Öffentlichkeit konnte ein Beipacktext wie der folgende noch »greifen«: »Frei und losgelöst vom Relief angstverursachender Emotionen und ihren vielseitigen somatischen Folgeerscheinungen gelangt der Patient, der

X. erhält, in den Bereich einer neuen Dimension des Befindens.« Dies über- nahm Stauffer wörtlich in seine Groteske, die auch sonst mit ihrem Gegenstand nicht zimperlich verfährt. Vielleicht wollte deshalb niemand »Brilium« insze- nieren. Im NDR zum Beispiel brach darüber eine dramatische Kontroverse aus; eine der ausschlaggebenden Persönlichkeiten wähnte in dem Stück eine empörende Verunglimpfung des gesamten Ärztestandes. [...]
Was bleibt, steht aber für sich: Eine makabre Komödie, versetzt mit einem sehr griffigen, sehr einprägsamen Nonsens-Idiom, in einer gekonnt durchgestylten Mondlandschaft des Kitsches.
Im Sanatorium Bellevue, das der »Sonda-Chemischen« gehört, sind die Matratzen schwarz, die Bettlaken rosa; Frau Pröll, die Brilium-dealende »Sonda«-Aktionärin, verfertigt aus Lebkuchenteig getreue Nachbildungen von Mausoleen - jenes für Lenin in Moskau besitzt sie ebenso en miniature wie das des Anstaltsleiters auf dem Bellevue-Gelände. Eine alternde Schauspielerin mit mädchenhaftem 

Herzen bewahrt den Nachttopf ihres Hundchens selig wie eine Reliquie auf - sein Freßgeschirr, wie sich des weiteren herausstellt. Dieser Dame erscheint Märchenprinz Carlos Chaplin (eine Sinnestäuschung im Brilium-Rausch?). Chaplin wiederum simuliert eine Halluzination: Die Zypressen vorm Fenster würden lauter kleine rosarote Kapseln austreiben. Wenn schlecht geführte, in routinierte Einheitsmanier verfallende Sprecher ein gutes Stück völlig ruinieren können (was leider vielfach angezweifelt wird), dann haben hier die ausgezeichneten Schauspieler [...] und Regisseur Hans Rochelt durch die subtil interpretierende Ästhetik seiner Inszenierung Stauffers »Brilium« größt- mögliche Gültigkeit verliehen. So wurde es ein skurril-unwirkliches Artefakt (was eine Satire ja sehr hintergründig machen kann); nie passiert, etwa durch allzu klamaukhafte Aktion, ein Stilbruch.”
Gisela Benze

1.12.1965 WPP/st
Betreff: “Brilium”
Sehr geehrter Herr Stauffer,
einem Feuilleton-Bericht in der WELT vom Mittwoch, 22. Nov. 1965 über “Literarische Turniere ohne Opfer” entnehmen wir, daß im Verlaufe einer Gruppentagung Ihre gelungene makabre Satire “Brilium” ein sehr positives Echo fand. Als Hersteller von Librium, worauf sich Ihre Satire bezieht, wären wir Ihnen für die Überlassung des Textes - zu unserer eigenen Erbauung - sehr verbunden.
Wir danken Ihnen im voraus verbindlich für die Erfüllung unserer Bitte und grüßen Sie

mit freundlichen Empfehlungen
Deutsche Hoffmann-La Roche
Aktiengesellschaft

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Robert Stauffer zu Brilium
Auszug aus dem Feature
»Radio, Literatur und andere Drogen« zum Hörspiel, ORF
Gesamtdauer: 05:50
© 1990 Autor
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