Das Publikum verweint die mitgebrachten Tränen

In den Zeiten des Friedens, besonders aber in einem Volke, das sehr lange in Frieden und Wohlstand gelebt hat, glaubt man gern, das Leben sei nicht mehr erträglich ohne ein erhebliches Maß an Ver- gnügungen, Bequemlichkeiten und Komfort aller Art. Der Mensch richtet sich das Leben so vorteilhaft wie möglich ein und verfällt vielfach der Sucht nach Ver- gnügen und Genuß. Später verlangt er nach Miß- handlung und Amputation. Das kann so weit führen, daß die Haupt- und Nebenwerte wie Freiheit und Keuschheit, Glaube und Zähigkeit, saubere Lebens-

führung und die Angst darunter leiden oder gar verkommen. Der Mensch wird verwöhnt, anspruchsvoll, verweichlicht. Das krankhafte Liegen in lauwarmem Wasser tötet den Geist ab, das sündhafte Berühren verderblicher Körperteile durch fremde Hände mündet in Ausschweifung, Unzucht, Widernatur und leistet ihnen Vor- und Nachschub, kurz: Verweichlichung ist das böse Laster, das selten Unterröcke zu tragen wagt.


Der Ringrichter segnet das betende Publikum

Meine Knaben, sagte die Hebamme, meine Knaben! Ihr habt nun manches ver- nommen, und es ist euch bewiesen worden, daß die Kunst des Boxens, da, wo sie allgemein geübt und gepflegt wird, zum Unterpfand des Friedens und der Verträglichkeit wird. Das Boxen garantiert den Frieden und den Wohlstand. Das Verlangen nach Mißhandlungen, Massakrierungen und Amputationen gipfelt

nicht mehr in den Hoffnungen auf den Kriegsruhm. Die Faust, die für den Menschen das gleiche bedeutet wie das Horn für den Stier..., genügt allen seinen Bedürfnissen nach Sicherheit, Gerechtigkeit und Vollrausch. Jede an- dere Waffenart führt unweigerlich zum Kriege! Ihr wißt, meine Knaben, ihr wißt, daß eine Weltmeisterschaft vor-

bereitet wird. Jetzt seid ihr noch Knaben, meine Knaben, aber ihr werdet Boxer werden... Die Faust ist eine ultima et sacra. Was mit der Faust geschieht, ist recht getan, und eine gemeisterte Welt ist eine Welt, meine Knaben, die das Recht zum Faustrecht besitzt.


Boxeraufzucht

Wenn man den Boxern zum erstenmal begegnet, etwa im Hühnerhof oder da, wo die Gänslein schnattern, sind sie meist noch klein, unerfahren und wehrlos. Aber sie sind friedlich. Noch haben sie einen Knabenleib, schmale, hängende Schultern, zarte Finger, einen laschen Mund und ein schlaffes Geschlecht. Die Augen sind ihnen erst vor ein paar Wochen aufgegangen. Treuherzig stieren sie uns an. Ein Ruch lyrischer Selbstverliebtheit hängt ihnen im Haar. Ihre Fingerübungen in den gestrickten Fäustlingen sind noch ohne Disziplin, die Knochen schmerzen, die Haut, die sich über ein breites Brustkreuz ausdehnen und spannen möchte, findet noch keinen Spielraum. Ärzte und Hebammen betreuen die Knaben, massieren die Haut, knoten die Knochen, die Finger, die Daumen, den Rist: Simulierte Kreuzigungen haben gymnastischen Vorrang, Zen-Verzückungen den Stellenwert von autosuggestivem k.o. Hautreste werden mit Metallkämmen wegfrisiert, Knochenblößen mit Kerzenwachs poliert, Haare, die Störenfriede der Angriffsfläche, mit Pinzetten entfernt. Salben, Tinkturen,

Pasten, Rollkuren und Umschläge fördern den beschleunigten Wuchs der Brustwarzen, erogene Zonen werden mit Streusand abgehärtet. Die Chromo- somen werden gezählt: 23 Chromosomenpaare, aus 22 Paaren bestehend, die als Autosomen bezeichnet werden, sowie aus einem restlichen Paar, dessen Chromosomen die Hebammen als Geschlechtschromosomen titulieren, müs- sen bei den Knaben festgestellt und bestimmt werden. Denn nur die Knaben, bei denen noch ein zusätzliches Y-Chromosom nachzuweisen ist, werden ernsthaft für das Boxen ausgebildet, weil die Kombination XYY eine asoziale Aggressivität garantiert. Die Ärzte arbeiten im Schichtdienst, wobei die Heb- ammen, als Animierstoff, historische Boxerbegebeneheiten zum besten geben.

Das Hörspiel

Boxerrunden
Hörspielcollage in Runden und Pausen mit O-Ton von Robert Stauffer

Mit Jochen Brockmann, Klaus Höring, Tomas Stroux, Sigrid Marquardt, Robert Stauffer
sowie einem Boxfan, einem Reporter und einem Speaker

Regie: Hans Rochelt
Österreichischer Rundfunk Landesstudio Burgenland, Studio Avantgarde
Ursendung: 27.3.1977
Spieldauer: 43:26 Stereo

»[...] Robert Stauffer verarbeitete in seiner Collage Boxerrunden Material aus der Vergangenheit und Gegenwart des Boxens, wobei neben Mitschnitten berühmter Boxkampf-Reportagen, originaler Geräusch-Kulissen etc., die Aussagen eines Box-Fans nahtlos in literarisch ausformulierte Texte eingebunden werden. Mit den Mitteln der Satire sollte dabei untersucht werden, welches Maß an Zwietracht und Gewalt zur Erhaltung von Frieden und Wohlstand offenbar unerläßlich ist. Für Stauffer ist die Kunst des Boxens ein Unterpfand des Friedens und der Verträglichkeit oder wie der erwähnte Box-Fan es ausdrückt: “Es ist der Boxsport der kameradschaftlichste Sport, den man sich vorstellen kann, obwohl er ja, wenn man es korrekt nimmt, aus brutalen Mißhandlungen besteht.” [...]«
Hans Rochelt: Beispiele aus der Hörspielarbeit
Literatur und Kritik, Februar 1978


Boxerschminkplan

Jeder Boxer weiß aus langjähriger Erfahrung, daß sich seine Schönheit nicht improvisieren läßt. Wenn er ihn so haben will, daß er die ungeteilte Aufmerk- samkeit seines Boxpartners, die Bewunderung aller Zuschauer und sonstigen Benutzer erregt, wird es gut sein, ihm rechtzeitig alle Nährstoffe zuzuführen, die ihn frischer, kräftiger und gesünder machen.
Empfohlen wird als Vorbereitung eine Kur mit Skin Life Extrait, einem regene- rierenden biologischen Pflegeprodukt in Schweizerampullen; das gibt ihm, dem Müden und Schlaffen, ein natürliches und frisches Aussehen zurück. Der Boxer trägt das Produkt in Form einer Intensivbehandlung zwei Wochen lang jeden zweiten Tag vor dem Schlafengehen auf. Die Schachtel enthält sieben Ampul- len, wovon er sich die letzte für den großen Anschlag aufhebt und Skin Life Extrait als Stimulansstoß untertags anwendet.
Für das festliche Ereignis beginnt der Boxer rechtzeitig mit den Vorbereitungen zu seiner Verschönerung. Zuerst reinigt er ihn gründlich, danach wäscht er die Zusatzteile und den verschiebbaren Teil, trägt die gewohnte Makeup-Unterlage auf und verteilt hiernach Illumination Liquid Foundation, Pastell über seine gesamte Außenfläche. Anschließend werden das rechte und das linke Zusatz- teil mit Illumination Purse Powder, Translucent zart überpudert. Der Boxer weiß, daß er sich Zeit, Liebe und Geduld für ein ausdrucksvolles Imponier-Makeup nehmen muß. Er greift immer wieder auf Water Cress zurück, einem dunklen Grün, das er mit einem Pinsel entlang der oberen Wulst aufträgt und mit einem Stüber bis zur hinteren Öffnung hin verwischt. Sodann greift er zu Meadow Green, einem zarten Pastellgrün, womit er an ihm die dunkelbraune Naht auszieht und sie in Form einer schmalen Sichel bis zur äußeren Begrenzung verlängert. Mit einem Schwämmchen trägt er Iced Lemon, ein perlmuttern schimmerndes Strohgelb, von der Wulst bis wiederum zur hinteren Öffnung auf. Dabei soll er von dem kostbaren Gelb so viel auf seine Peripherie auftragen, bis er ihm von der Aufrißsicht aus als Sonnenerlebnis, als das für ewig strahlende Gelb der Menschheit erscheint.
Wiederum greift der Boxer zum Pinsel. Er unterstreicht mit Mist of Blue, einem zarten Hellblau, den unteren Wulstrand und führt die Farbe entlang der Sichel aus Meadow Green bis zum Ende der äußeren Begrenzung, wo er sie in einem spitzen Winkel auslaufen läßt. Mit Automatic Minute Black zieht er noch hauchfeine Striche in die dunklen, weichrunzeligen Teile des linken und des rechten Anhangteils. Mit Illumination Long Marcara Black macht er ihn dicker und länger. Dabei bringt er noch einen Trick in Anwendung, der ihm ein kräftiges Imponiergehabe gibt: Mit dem Blusher Stick zeichnet er sorgfältig einen breiten Kreis vom Durchmesser einer Handspanne rund um ihn herum. Der so gewon- nene Kontrast betont die porzellanene Härte und schüchtert auf den ersten Augenblick ein, erleichtert aber ungemein seine zielstrebige Verwendung im Anschlag. Als Ergänzung gibt er einen Kranz von leuchtend roten Tupfern mit dem Magic Suckle Blusher auf die schon stolz schwellende Krone.
Der Boxer sollte bestrebt sein, daß sein Aussehen jede Saison überdauert; er muß daher stets stark, schwer, mächtig und seidig schimmernd wirken.

Gehst du zum Boxer, vergiß die Seife nicht.

Boxen ist des Blutes Balsam, Boxen ist der Tugend
Quell.

Boxen währt am bängsten.

Wenn Boxer sich küssen, fallen die Sterne vom Himmel.

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Boxerrunden
Hörspiel von Robert Stauffer
Hörprobe: 5 Ausschnitte
Gesamtdauer: 14:16 Stereo
© 1977 ORF, Landesstudio Burgenland / Autor
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