Und wo blieb Kancsó?

Kancsó ist trunken von Knochensuppe,
liegt flach auf dem Bauch und schläft.
In der Küche schabt die Magd Leber,
rührt das Korbgeld mit dem Besen an,
brutzelt den Gummiring ins Klosett.
Auf dem Tratschbalkon regnets.
Die blaue Gugelhupfform singt ein Rostlied,
und Kancsó ist henkellos dumm,
verschnarcht die Botschaft alter Briefe,
winselt mit den Füßen übers Märchenland,
kollert die Schnauzaugen und schläft.

(Kancsó: ungarischer Kosename für einen Pudel)

Spiele

Immer fällt
Nachtgarn über den Tag.
Aus den Netzen pflücken wir
würzige Äpfel, tauschen sie,
werfen sie zählend einander zu
und beissen vierlippe Küsse
in das flockige, schmelzende Fleisch.






Okkultismen

Glauben Sie, vom Wiener Zentralfriedhof
tropften Abwässer frommer Denkungsart
chemisch gefiltert in Weihwasserbecken?

Ahnen Sie an Amsterdams Grachten
noch irgendwas vom Proteststreik
der Bürgerschaft im Jahr 1941?

Spüren Sie in Paris, London, Berlin oder Rom,
dass Sie hüfthoch durchs Fruchtwasser
der vergangenen Zukunft waten?

Meinen Sie, Zürich zum Beispiel
sei eine einzige Hasenjagd,
wo Fixer fixen und Dealer dealen?

Vergeblich das Glauben, Ahnen, Spüren und Meinen,
solange Sie Steuern zahlen und sich vorsorglich
checken lassen, ob es bald soweit ist mit dem Tod.






Straelener Tischgedicht

Alles klar? sagen sie, fragen sie,
alles klar? meinen sie, befehlen sie,
alles klar? laßt uns essen, damit der Magen
nicht denkt, die Zähne seien zum Teufel!

Alles klar? zum anpacken, entgegenkommen,
zum sich breitschlagenlassen, sich anbieten,
sich freiwillig melden, willig und willfährig,
sich angleichen und fügen: vorallem fressen!

Alles klar, sagen sie, oder o. k., mehr nicht.
Nach Absprache wird der Spargel auch für dich geschält.
Alles klar? ist ja selbstverständlich,
selbstredend, selbstmurmelnd.
Aavsacker, alles klar? Broandewien, alles klar?
Eäls, alles klar? Gemüerde, alles klar?
Miemelen, alles klar? Öm, alles klar?
Schampanie, alles klar? enne Süüte, alles klar?

Und wer nie mit Brot die Tränen aß,
der kennt ihn nicht, den Wirtshausfraß
am Niederrhein: die Schnibbelbohnen aus der Tonne,
den ewig frischen Schweinebauch, Sausausauerbraten
mit Backpflaumen, Kartoffelklößen und Kompott.

Sie waschen nicht Kopf wie Deutschland,
vornüber zum Kotzen und so,
hier wird gewaschen von rückwärts und anderswo.
Sie schneiden nicht Nägel mit Schere,
sie rupfen nicht Haar aus dem Ohr.
Sie spülen nicht Mund wie Österreich,
mit Mozart und geschwefeltem Wein,
Oliven wässern sie nicht im Bidet ein.
Sie putzen nicht Finger wie die Schweiz,
mit Staubsauger und Laserstrahl.
Aber hier wird die Klaue gezwackt. Allemal.






Stille Tage auf Langeland

                  »Toute lune est atroce et tout soleil amer«
                                                                  Arthur Rimbaud

Von Landschwindel betäubt
schiffen sie ein,
das Problem und er.
Im gestopften Koffer Geröll und Löschkalk,
dramatische Briefe, terminierte Erpressungen.
Im Kopf überlappende Exkulpationen,
Justifikationen, Dislokationen,
das Lynchtribunal in Kiel schon kupiert.
Das Problem hat Platzangst
vor der Aufgabe und der Frage.

Auf der Höhe der Niemandssee,
Lachs- und Krabbensandwich-Theken,
taumeln Bierdosen längelang
der schweinepissefeuchten Insel zu.

Den Sprung von der Reling ins eiskalte Wasser
bemerkte keiner auf Schiff:
Getaucht ins Amnionwasser
- endlich freischwimmend -
nicht atembeklemmt,
eingebettet gegen den Druck und den Stoss
der Erschütterungen der Welt,
wollte er sich ergiessen,
sich selber zurückschlürfen
in den Mund von Vater und Mutter.

Den Nichtgeborenseinswünschen
wird speiübel, und sie spucken,
das Problem und er, ins Meer,
ziehen die Mützen über die frierenden Köpfe,
hinter ihnen das endemische Totenland.

Ȇber Bord in die kalte Ostsee
gestürzt« sei der sicherste Tod,
sagt der sächsische Python am Pier.
So kommen sie an auf Langeland,
das Problem und er.
Lösung und Aufklärung vorweggenommen.

Verhungert am langen Arm der Geschichte
schüttet er am Ufer die Wackersteine aus,
die keiner auf Schiff bereit war
in die offene Brust zu stopfen.
Das Problem zieht die salzige Luft ein,
er sich das Messer aus dem Rücken.
Zwischen Hagebuttensträuchern
schauen sie Kong Humbles Grav an,
rütteln am Leuchtturm
und necken den Dorfdebilen.

Das Problem und er verschlafen
auf der Drehbühne die Rededramen
im kurzen, engen Bauernbett.

Tagsüber reden sie mit Python vom wärmenden Tuch,
über den Wundbrand verschmähter Liebe Pein,
diskutieren den Casus belli,
rezitieren die Briefe, die Ultimaten,
preisen und verfluchen zugleich
den täglich dosierten Judaskuss.
Tauschen Botschaften aus,
kauen Kraut und Kartoffeln,
fetten Schinken, trinken dänisches Bier.
Darüber flattert am Antennenmast
der blutvertrocknete Fetzen
radikaler deutscher Endlösungen.

»Ob Nacht-, ob Taggestirne,
keins das nicht bitter wär«,
zitiert Pythons vierhufige Frau.

Wenn hier ein Baum stürzt,
fliegende Rosse und Schiffe,
zieht ein Schwarm fahrender Vögel
unterm Wolkengeviert vorbei.

Tristan der Weisse spannt Segel auf,
die Tücher vom Bett der Johannisnacht.
Pfeife paffend lockt Isolde die Schwarze
nach lieblich gekräuselter Brise.
Der aufkommende Sturm bricht alle
Türen der Schweinemasthalle ein:
eine endlos vollkommene Schreifuge
übergrunzt wütend die Insel.

Still sind die Tage auf Langeland.
Das Problem sagt: »Mein Faden ist fast verlaufen«.
Der dänische Hahn kräht zum dritten Mal,
während er am eigenen Leichentuch webt.






Bäder I

Bis zum Schlüsselbein bedeckt
von heißgelaufenem Wasser,
angelehnt an eine Marmorbank,
kommt zurück von der Quelle,
türkisch verhangene Kuppel;
die wohlige Wärme der Lust,
umfaßt die geschwellte Wölbung,
streift über Brustkreuz und Nacken,
verflüchtigt trockene Ahnung,
sachlich rein und unangreifbar
weitentfernter Berührungen,
den zarten Anhauch der Haut.






Bäder II

Der alte Leib im Theaterparterre,
begrenzt, kein Auslauf im Wasser;
oben die helle und dunkle Dachluft,
mystische Rose im Tropfstein,
Geysir im Bleirohr, Ruhe, gedämpft.
Der alte Leib und die verwässerte Zeitung,
Seifendiebstahl unter der Brause;
»meine nackte Freundin«, sagt die Matrone,
»du trägst ja kein Schürzchen um deine Brust.«
»Schau durch den Spalt ins Sonnenbad,
da siehst du feilgebotene membra virila.«
»Wasch dich und lasse die Buben,
auf Terrakotta sitzen sie wohler,
engobiert kitzelt die Bank zu wenig,
die membra, das unnütze Ding.«
Erhebt sich der alte Leib vom Sperrsitz
und watschelt durchs warme Bassin.
Ins Leintuch verschlungen, schon auf der Gasse,
gewöhnliche Marguerite im Straßendreck.






Bäder III

Sie kommen von anderen Quellen und Brunnen,
vom Froschteich ins Stadtbad hinein.
Im Zwölfmännerschnabelpissoir
- Harzgeruch und alter Teer
wird weich bei Werbungstanz und Zigeunermusik
(aus dem Transistorradio fürs »neue schöne Leben«) -
vergrößern sie sich stundenlang,
ragen auf bis zu Priapus’ Größe,
da hat keine Frau mitzutun,
das machen die Schnäbler allein.

Hirschzähne im Rinnstein,
zu Hause das Geweih:
der Zwölfender.
Jäger aus Polen,
Schwärme aus der Schweiz,
der fette Bayer,
Wiener, verfressen,
Frauen mit entzündeter Rose.

Ich sitze im Bad,
auf dem Wassergrund
ein Blatt des Ginkgo biloba.






Bäder V
Dampfbad

Hocken Männer auf Stellagen
im milchigen Nebel aus Dampf
und sitzen gespreizt, zum Zugriff bereit:
jeder ein barbarinischer Faun.
Etwa die Uhr noch, ein Amulett,
der engsitzende Ehering blinkt auf.
Haut weich, behaart,
Gelenke und Muskeln,
Waden und Schlüsselbein,
Schenkel überflossen vom Schweiß.

Langen sich Männer auf Stellagen
entlang der Elle übers Schulterblatt an,
berühren den Rücken, die Hüfte, den Bauch.
Mit fiebrigen Augen, brennender Gier
starren sie auf das begehrte Geschmeide,
das wachsende Goldhorn der Lust.

Streicheln sich Männer auf Stellagen
zärtlich über Schläfen und Brustkreuz
und umfangen die Kugeln mit zügigem Druck.
Da ist der geöffnete Mund,
marmorglatt und doch röter als sonst:
jeder ein barbarinischer Faun.
Finger knorplig, verkrampft,
Schambart und Kopfhaar,
Sehnen und Knochen aus Stein,
ein abgeschlagenes Glied.






Bäder IV
Türkisches Bad

Sitzt neben mir Sokoli Mustafa
mit wasserdichtem Chronometer,
bernsteinberingter Hand,
fächelt lauwarm die andere
und weist auf die Wellen
von Schwefel und Radium hin:
fehlt Ihnen ein Paß für die Welt?
Zum Trost hier eine Anthologie.
Im Feuchten geblättert,
im Nassen gelesen,
trockengerieben
die Haut,
bis eine Filzlaus sich festbeißt
auf Pagina 96, einem Sándor Weöres-Gedicht.

(Sokoli Mustafa: türkischer Pascha in Budapest, 1566/70;
Sándor Weöres: ungarischer Dichter, 1913-1989)






Metamorphose

Gefräßig im Gasthausgarten
reckt sich die Raupe,
kriecht über Landspeck und Brot.
Nackt, behaart, voller Auswüchse,
mit gegliederten Krallenfüßen an der Brust,
fleischigen Afterbeinen am Bauch,
schiebt sie sich vor
über Biertisch und Landspeck und Brot.
Ein Horn auf dem Hinterende.
Grün.
Der Liegestuhl wird zusammengeklappt,
Kinder lassen einen Autoreifen rollen,
den Abhang hinunter ins Gras.
Da wäscht die Klofrau die Muschel aus,
und hier hat er gelegen,
der Gärtner,
Schaum auf den Lippen.
Bierschaum hängt überm Glas.
Was ich erinnere, Konstantin aus Alexandrien ist dies:
Sterbende, ganz banal,
Begehrte aus einer altgewordenen Zeit,
der Redeschwall fremder Sprachen,
Abschiede auf den ersten Blick,
Erstickung am eigenen Rausch,
Verfremdung der Freunde...
Abgestorbene Leidenschaften.

Aber Alexandriens Häfen sind Flugplätze geworden,
Ankunft der Elefanten,
Mückenstich an Bord,
feines Blutgerinnsel im Ohr.






Nachtmahr

Die Wächter fürchten den Mond,
verdecken mit Schuppen ihr Herz,
tropfend in knirschenden Stein.

Schlaftrunken flimmert die Kugel
über die riffigen Grenzen der Wächter.
Hunde bellen und fürchten den Tod.






bin so viel ich bin und bin
so viel ich bin und
bin so viel
ich bin
und
kann
es
sein

wer viel ist
ist soviel
wie er ist
so viel wie
er ist
ist er
so viel
wie
er ist

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