»Ganz gleich, wie gut man den Wolf füttert, er träumt doch immer vom Wald«, sagte der Moskauer Polizeipräfekt nach Abschluß der Untersuchungen zu Maxim Gorkis Nachlaß.


13. Januar 1986
Barwasser: Aber Du konntest als Kind wohl schon spüren, daß es etwas gab, das diese beiden Menschen verband?
Stauffer: Natürlich. Nur hat man vor der Pubertät nicht so explizit Ahnung von den erotisch-sexuellen Umräumen einer Beziehung. Für mich war es ein schrecklicher Schock - es war in meinem 12. Lebensjahr, und ich war schon wieder aus der Klosterschule -, als ich einmal im Sekretär herumstöberte oder im Kleiderschrank, den sie sonst immer abschloß vor mir. Und in ihrer schwarzen

Lacktasche fand ich dann ein Bündel Fotografien, auf denen sie und ihr damaliger Freund Schwarz in recht eindeutiger Weise, vollkommen nackt, zu sehen waren. Die waren wie Pornographie-Fotos gemacht, aufgenommen mit Selbstauslöser, alle möglichen erotischen Stellungen...
Barwasser: Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind schon ein Gespür dafür hatte, ob etwas Sexuelles, Erotisches im Spiel war, daß ich spürte, da passiert etwas, das unheimlich verboten ist, wenn ich auch nicht genau wußte was, also keine Ahnung von den genauen Vorgängen hatte. Das habe ich gerochen...
Stauffer: So meine ich es auch. Genaues wußte man nicht, aber man spürte etwas.
Barwasser: Ich kann mich gut erinnern, wie ich als Kind neben meinem Vater im Bett lag und er unter der Bettdecke masturbierte. Ich habe nichts Wirkliches gesehen, nur die sich auf- und abbewegende Bettdecke und seinen Gesichtsausdruck, eine Mischung aus Verzückung und Vorsicht. Er hat wohl gedacht, ich wisse nicht, was ablaufe. Das stimmt auch, aber daß etwas geschah, was ich nicht wissen sollte, atmete ich. Es war für mich etwas Verbotenes. Ich erinnere mich, daß es auch sehr aufreizend für mich war. Ich glaube, ich hätte meinen Vater gerne umarmt oder hätte mich gerne an ihn geschmiegt, so als wären wir zwei Verschworene, die von einer bösen Tat wußten.
Stauffer: Ich habe bei meiner Mutter auch nie konkret gewußt, was da ablief, ich wußte über sexuelle Handlungen absolut keinen Bescheid.
Barwasser: Mehr Intuition?
Stauffer: Ja, eine komische Ahnung.
Barwasser: Bis zu welchem Alter warst Du in diesem Nonnen-Internat?
Stauffer: Bis etwa zwölf. Danach kam ich dann ein Jahr zu meiner Großmutter väterlicherseits. [...] Es wurde einfach zu teuer. Man wollte es mit mir billiger haben.
Barwasser: Sieh an, da waren sich Deine geschiedenen Eltern wohl noch einig. Haben sie sich die Kosten dafür geteilt?
Stauffer: Durch das Scheidungsurteil wurde festgesetzt, welchen Unterhalt mein Vater zu zahlen hatte. Meine Mutter behauptete immer, es sei eine sehr kleine

Summe gewesen. Aber davon mußte sie die Schule bezah- len. Ihr wurde es dann zu teuer, und sie fand es billiger, wenn ich zur Großmutter käme.
Barwasser: Und nach diesem Jahr bei Deiner Großmutter?
Stauffer: Ein halbes Jahr bei meiner Mutter. Danach wurde ein Schacher betrieben - auch finanzieller Art -, und ich wurde zu meinem Vater gegeben, der inzwischen wieder verheiratet war. Diese neue Frau war

eigentlich nur sechs Jahre älter als ich zu der Zeit...
Barwasser: Das war die Päuli?
Stauffer: Nein, Päuli war schon die dritte Frau, diese war das sogenannte Rösli.
Aber ich weiß nun von Dir, daß sich in Deiner Kindheit Frustrationen, Enttäuschungen und paradoxe Intentionen - wenigstens mütterlicherseits - auf Dich ausgerichtet haben, indem Du verdroschen wurdest. Und deshalb überlege ich, ob ich auf ähnliches zurückgreifen kann. Ich erinnere aber nicht so etwas. Meine Eltern haben sich wohl gegenseitig verdroschen, aber nicht so, daß sie blaue Flecken hatten. Mein Vater hatte mehr die seelische Grausamkeit drauf. Er hat ihr zum Beispiel drei-, viermal pro Woche angedroht, er erschieße sie, jetzt habe er die Schnauze voll von ihr. Er hatte einen Browning, eine Handfeuerwaffe, die lag im Nähkästchen. Und sie waren grausam eifersüchtig aufeinander, obwohl sie jeden Abend in einem Lokal tanzen gingen, immer mit anderen Herren und Damen, auch anderen schöne Augen machten und sich sehr wohl auch mit anderen verabredeten und sexuell amüsierten. Und wenn sie dann beschwipst nach Hause kamen, gab es regelmäßig Streit, und immer dann sagte er, er würde es nicht mehr ertragen und sie umbringen. Weil meine Mutter sich davor fürchtete, hat sie sich derart nötigen lassen, daß sie Schriftstücke oder Erklärungen aufsetzte mit dem Wortlaut: Ich, Mary Stauffer, geborene Raschle, gebe zu Protokoll, daß ich heute abend im Dancing Soundso zwar mit Herrn Dr. Soundso getanzt habe, ihm aber sexuell nie zunahe getreten bin. Es waren ganz unbeholfene Texte, ich habe sie manchmal lesen können. Und das Gemeine daran war, daß alles mein Vater diktiert hat und meine Mutter danach schreiben mußte.
Barwasser: Hat sie während des Diktats mit dem Revolver bedroht?
Stauffer: Das kann ich nicht sagen. Sie mußte Erklärungen abgeben, die die Schuldzuweisungen meines Vaters entkräfteten. Dann hat er sie auch nicht erschossen. Ein einziges Mal hat er es versucht, meiner Meinung nach nur ein Scheinmanöver, er hat ins Kaminrohr geschossen. Das wurde mir von meiner Mutter hinterbracht, daß dieses Loch im Rohr von meinem Vater war, als er einmal sehr böse gewesen sei.
Barwasser: Welchen Eindruck hat so etwas auf Dich gemacht? Hast Du Angst empfunden?
Stauffer: Dieses Streiten habe ich natürlich in meinem Zimmer gehört. Und meine Mutter hat meistens am anderen Tag mit mir geredet, eben in dem Habitus, sie rede mit mir wie mit einem Erwachsenen: Röbi, dein Vater wollte mich gestern nacht wieder erschießen, er hat behauptet, ich hätte mit Dr. Soundso ein Verhältnis. Und auf der Nachtkonsole, auf der sie immer diese Entlastungserklärungen schreiben mußte und die sich vom Kugelschreiber bis aufs Holz durchdrückten, konnte ich alles nachlesen, zig Überschriften von zig Briefen. Irgendwann hat sie mir auch den Browning gezeigt, ich durfte die Pistole nicht einmal anfassen, es sei alles hochgefährlich. Kurz darauf begann meine Mutter, sich ein eigenartiges Lachen, Kichern anzueignen, das mich geradezu verfolgte. Als ich in die Klosterschule kam, fühlte ich mich erst erlöst davon. Es war wie das Lachen eines Menschen, der sachte und langsam zu Tode gekitzelt wird, so ein schleichender Wahnsinn. Mein Vater hat sie - aus seinem Sadismus heraus - auch immer gekitzelt. Und Kitzeln kann wahnsinnig machen. Mein Vater hat es immer als Introitus angewandt zu seinen Nötigungen. Dieses fast qualvolle Kichern war mir unheimlich, ich konnte es nicht deuten. Es war mir auch widerlich, wenn ich die Ahnung hatte, meine Mutter wird schwer gequält und mißhandelt. Es gab aber auch so eine Art von Masochismus bei meiner Mutter, irgendwie fand sie auch Gefallen daran.
Barwasser: Anschließend hat man gefickt?
Stauffer: Ja, so ungefähr. Manchmal habe ich gedacht, ich muß ins Elternschlafzimmer gehen und meiner Mutter helfen, so schrie und kicherte sie.

28. März 1986
Barwasser: Mir ist aufgefallen, daß wir in unseren Gesprächen das Thema Selbstmord bisher ausgeklammert, nie so richtig in Angriff genommen haben... Irgendwie ist das Thema unterdrückt worden, aus welchem Grund auch immer.
Ich sage: ich denke daran, manchmal. Sehr ernst, sehr fest. Dann kommt mir die Welt als eine Rattenwelt vor, ich bin darin die Oberratte... ich weiß nicht mehr, was ich darin verloren habe, habe keine Laune mehr, diesen ganzen Kack mitzumachen...

Stauffer: Du bist dann deprimiert?
Barwasser: Und wie. Dann kommen mir ernste Gedanken an Selbsttötung. Entweder ein paar Politiker umbringen... oder selber gehen... Nein, im Ernst, Suizidgelüste habe ich manchmal... oft nach dem Schreiben, dann habe ich nichts mehr in mir drin, keine Kraft, keine Hoffnung... ausgepowert, leer... könnte mich vom Balkon stürzen... nein, zu springen, dazu bin ich doch zu feige. Wenn Tod, dann ein ästhetischer... ohne viel Schmerz, ohne Verunstaltung. Aber manchmal ist mir nach Sterben...
Hast Du nie mit einem Gedanken daran kokettiert? Daß Du jederzeit sagen kannst: Schluß jetzt? Hat es Momente gegeben, wo Du ernsthaft sterben wolltest?
Stauffer: Oh ja, vor bald dreißig Jahren schon... da fing ich an, meinen Entwicklungsroman »Die Normalen« zu schreiben, darin stellte ich eine Gliederung, ein Koordinatensystem von Kapitalthemen auf. Von den Urgroßeltern angefangen, durchläuft die Hauptperson meine eigene Lebensgeschichte. Da ich erst 20 Jahre alt war, konnte ich mir den Schluß des Romans nicht anders vorstellen, als daß der Protagonist Selbstmord macht. In meinem wirklichen Leben aber... da habe ich als junger Mann höchstens mal nach einer Streiterei daran gedacht. Wenn mich mein Freund Ferenc heftig gekränkt hatte, dann brachte ich es fertig zu sagen: Ich geh jetzt in den Wald und komme nie mehr zurück. Ich bin dann auch in den Wald gelaufen, habe herumgeschluchzt und den Ferenc verdammt... dann entdeckte ich Pilze, begann, sie einzusammeln, und ein paar Stunden später habe ich sie mit Ferenc fürs Abendessen zubereitet. Man hat sie dann doppelt so gerne gegessen.
Barwasser: Nee, komm... ich meine nicht solche Augenblicke, wo man mal sagt: Ich bring mich um, aus Wut oder Liebeskummer oder was weiß ich... das ist doch so dahergesagt, im Raptus. Ich denke eher an den Moment, wo man keinerlei Perspektive mehr hat in dieser deutschen Scheiße, wo man nur noch den Ausweg sieht, sich selber den Hals umzudrehen, weil man meint, es nicht mehr auszuhalten, diesen Druck, die Bevormundung nicht mehr erträgt...
Wir wollen uns nichts vormachen: voriges Jahr - während unserer Trennung, als

ich mir ziemlich abserviert vorkam -, da hatte ich die Schnauze voll... mich widerten die Männer an,

Du widertest mich an, ich selber fand mich widerlich... die Situation war unerträglich. Dann meint man, nicht mehr mit dem Arsch hochzukommen, man hat schon eine Art Heiligkeit erreicht, die nur Larmoyanz ist. Du hast es ja miterlebt...
Stauffer: Oh Gott, ja...
Barwasser: Ist jetzt Zynismus, aber bei mir hast Du noch mal Glück gehabt. Aber Tamás ist damals doch fast vor Deinen Augen vom Wiener Donauturm gesprungen, auch wegen der Dreierkonstellation: Du, N. und er als Dritter, womit er nicht zurechtkam. War Dir nicht so elend, daß Du hättest hinterherspringen mögen... aus einem berechtigten Schuldgefühl heraus?
Stauffer: Ihm nachspringen? Tagelang danach war ich erschüttert, verwirrt, so als hätte ich Tranquilizer genommen... so berauscht. Ich weinte und lachte abwechselnd, erlebte die kleinsten Momente, etwa die eben sich begrünenden Bäume des Wienerwalds, als ein Wunder, als wären über Nacht die seltensten exotischen Pflanzen erblüht. Alles roch heftiger als je zuvor, es schmeckte alles schärfer... zugleich milder und süßer. Ich begehrte - N. war bei mir - nach ununterbrochenem Liebemachen, fand darin nur noch mehr Berauschung. Und dann habe ich Tamás’ Kleider genommen, die Schuhe von ihm, seine Hemden aus dem Kleiderkasten, hab an ihnen gerochen... ich habe mich in sein Kopfkissen geschmiegt, hab das in mich hineingesogen, so als würde er noch leben. Damit wehrte ich die bittere Tatsache ab, daß er tot war. Später habe ich mir eine Ansichtskarte vom Donauturm gekauft. Mit dieser Karte in der Hand fuhr ich auf den Turm und suchte nach der Stelle, von der er gesprungen war... ich fror entsetzlich, ein ganz kalter, scharfer Wind blies. Nein, ein Nachspringen kam nicht in Frage. Ich starrte nur die hundertfünfzig Meter hinunter und wußte: dort unten war er aufgeprallt... ein Boden, der mit Rasenziegel aufgelockert war... der Kopf war ihm abgerissen worden, lag ganz vom Körper getrennt... meterweit weggeschleudert. Ich wußte, man hatte diesen Kopf in der Prosektur mit einem Holzpflock in den Nacken zurückgesteckt.
Barwasser: Er war aber doch wegen Dir gesprungen, weil Du zwei »Geliebte« unter einem Hut vereinen wolltest... Du wolltest ihn und auch sie...
Stauffer: Nach Monaten legte ich mir zurecht: Tamás war ein Mörder! Er hatte ja auch mir gedroht, er bringe mich um, wenn ich weiterhin zu N. Kontakt hielte oder er beiße N. die Nase ab...
Barwasser: Kann ich verstehen...
Stauffer: Mit meiner »Mördertheorie« habe ich mich viele Jahre beruhigen können. Heute sehe ich es anders. Ich weiß auch durch Nachforschungen, daß Tamás schon als Student in Konflikt- und Problemsituationen seinen Eltern oder seinem Bruder gegenüber mit Selbstmord gedroht hat. Wenn er es dann nicht tat, wurde er als Überlebensheld gefeiert. So ein Spiel mit dem Leben bekommt nach mehreren Wiederholungen eine schäbige Abgegriffenheit, die Glaubwürdigkeit schrumpft.
Barwasser: Mit dieser Theorie lagst Du aber daneben... er hats ja getan.
Stauffer: Ja, aber wenn das dauernd wiederholt wird, wird man irgendwie gleichgültig gegenüber sich selbst, gelangt in eine Verengung des Realitätserfassens, in eine sehr künstliche Art von Anspruchslosigkeit und Reduktion von Selbstwert. Gleichzeitig auch in eine übergroße Vorstellung davon, was für eine Seltenheit und ruhmvolle Handlung das ist, der Selbstmord... Ich möchte lebend zur Anspruchslosigkeit gelangen...
Barwasser: Das darf nicht Dein Ernst sein...
Stauffer: Doch, ich möchte lebend erfahren, daß wir als Individuen Sandkörner sind und uns beim Sterben sogar zuschauen können.
Barwasser: Du gehst elegant meiner Frage aus dem Weg: daß Du noch nie real an Selbstmord gedacht hast - als einzigen Ausweg aus einer aussichtslosen Situation! Erinnere Dich mal und schildere mir eine Situation, wo Du ganz fest daran dachtest zu sterben. Nicht Selbstmord aus zweiter Hand. Ich habe ja solche Anwandlungen gehabt. [...] Ich hänge an meinem Leben, ich glaube aber auch, daß ich sehr präzise den Zeitpunkt erkennen würde, wenn dem nicht mehr so wäre...
Stauffer: Oh nein, Du vertust Dich. Ich habe schon oft daran gedacht, mich aus dieser Welt hinauszuschleichen. Doch das Aufschaukelungsprozedere, das Hineinhysterieren in eine Neurose der Verdünnung von Wahrnehmungen, das brach letztendlich immer wieder in ganz trivialen Momenten ab: ich bekam Hunger, mußte aufs Klo, wollte noch einmal ausprobieren, ob ich in diesem elenden Gemütszustand noch fähig war zu onanieren. Meine erwähnte »Mördertheorie« hat mich letztlich immer davon abgehalten. Denn wenn ich mir vorlegte, jetzt bringe ich mich um, fragte ich mich gleichzeitig auch, wen ich an meiner Stelle umbringen will. Von einem konkreten Selbstmordversuch kann ich Dir leider nicht berichten... Ich habe natürlich öfter Selbstmordmöglichkeiten in meinem Leben gehabt. Man hätte mich dann sogar verstanden... dann wäre meine Racheabsicht voll aufgegangen. Da ich Konflikte, Spannungen sehr gerne in Briefen und Tagebuchnotizen erörtere, habe ich gerade damit erreicht, nur »literarische« Selbstmorde zu bewerkstelligen.
Barwasser: Diese Schreibwut kenne ich auch... Aber dadurch kann man doch auf Dauer nichts kompensieren. Dann hätten viele Dichter etwas länger gelebt. Schreiben ist doch nur ein Surrogat und irgendwann wird Dir erschreckend bewußt, daß es nur Ersatzhandlung bleibt. Beginnen wir nicht wieder bei der Einsamkeit des unverstandenen Poeten...
Stauffer: Die Anwandlungen, wie man so geschwollen sagt, habe ich im Nachhinein immer als Theatralik meiner selbst eingeschätzt. Ich kann Menschen nicht ernst nehmen, die wegen ihrer dauernden Selbstmordversuche zum Ruhm kommen. [...] Das Durchleben von Geschichte, das Konstituieren von Geschichtlichkeit, das treibt mich... ist fast eine Gier. Gut, wenn Jean Améry seinen Selbstmord literarisch-analytisch mit einem Buch wie »Hand an sich legen« vorbereitet hat, dann kaufe ich ihm diesen letzten aller Ausverkäufe, die ein Schriftsteller haben kann, ab. Aber ich bin noch nicht so verbraucht und verhetzt und verdreht, verraten und verfolgt, wie es Améry vielleicht gewesen ist. Und ich habe auch keine »Weibergeschichten«, die mein Gemüt und meinen Körper zum Subjekt verkommen lassen.
Barwasser: Das können auch »Männergeschichten« sein...
Stauffer: Da bin ich viel mehr auch Objekt...
Klaus Mann nehme ich davon aus - aber viele große Schriftsteller waren Männer, die mit ihrer emotionalen und sexuellen Konstruktion im Widerstreit lagen, Heinrich von Kleist, Ernest Hemingway, Paul Celan und einiger mehr...
Barwasser: Daß gerade Klaus Mann wegen seiner sexuellen Konstruktion nicht im Widerstreit zu sich gelegen haben soll, bezweifle ich... da willst Du die Geschichte neu schreiben...
Stauffer: Mir gefiele Selbstmord so, wie ihn Petronius Arbiter in seinem altrömischen Bacchanal »Satyricon« beschreibt. Aber das ist bloß Literatur oder gutes Kino.
Barwasser: Wobei dann die Realität, die Gegenwart schlechtes Kino wäre? Nur wenn es für die Nachwelt schriftlich fixiert wird, dann bekommt es wieder Qualität? Dann müßte KZ-Literatur, die Berichte über Deportationen ja gutes Kino sein? Dann spielen heute diejenigen, die sich mit Atomkraft einen goldenen Arsch verdienen und dabei die Menschheit gefährden, quasi einen schleichenden Massenmord auf lange Sicht und mit Unterstüzung der Politik betreiben, dann spielen die im nächsten Jahrhundert, so wie es das noch geben wird und man ihre Schandtaten nachlesen kann, in einem guten Kinostück mit?
Das hast Du mir etwas zu elegant formuliert, zu gestylt. Dann bräuchte ich bei Selbstmordgedanken - sozusagen als Übersprunghandlung - nur mal eben runter in den Supermarkt rennen, mir ein paar Suppenwürfel kaufen, meinen Koller quasi »wegkaufen«, und dann käme ich zurück und alles von meiner Depression, meinem Vorhaben wäre gefressen, vergessen, ausgelöscht... ist mir zu einfach!
Stauffer: Nun werde nicht noch sakrosankt...

24. März 1985
[...]
Stauffer: Mit siebzehn ging ich nach einer Schauspielstunde in eine Kneipe in Zürich. Dort sprach mich ein etwas älterer Bursche an. Man trank ein paar Biere zusammen, dann wollte er mich seinem Freund, dem Architekten Bünzli vorstellen. Dieser Mann war etwa fünfundvierzig, der Bub war bei ihm wohl als Bauzeichner angestellt und gleichzeitig sein Freund. In der Wohnung haben wir sofort begonnen, die Baupläne zu studieren. Dabei bemerkte ich gar nicht, daß der Architekt begann, sich mit und mit auszuziehen, Krawatte, Hemd... dann hatte er nur noch einen schwarzen Slip an. Wir setzten uns auf ein Sofa, und

der Junge begann, mein Hemd aufzu- knöpfen. Auch der Architekt gefiel mir, er war braungebrannt und zudem behaart wie ein Affe. In seiner Hand hielt er ein Bündel von Lederriemen. Der Junge mußte dem Architekten dann mit dieser Peitsche Hiebe geben, auf den Rücken, aufs Gesäß... das war mir schon sehr unheimlich. Dieser Behaarte, ein richtiger King- Kong, hob dann die Peitsche

auch gegen mich, der Junge hielt mich fest... es war erst nichts Brutales... ich habe nur gedacht, warum kann es sich nicht wandeln, wir könnten uns zärtlich festhalten und verschlingen und rumrammeln wie die Katzen... aber immer war diese Drohung, die Peitsche da, das hat mich stark beeinflußt, ich konnte nicht mehr aus mir heraus. Schließlich haben sie mich auf so einen Mies-van-der-Rohe-Tisch gelegt, ich habe mich wie ein Regenwurm gewunden und zu schreien begonnen. Man hat mir mit einem Frottiertuch den Mund gestopft. Diese komische Sehnsucht, einen lieben, zärtlichen Sex mit den beiden zu haben, ist ständig dagewesen, obwohl es immer bedrohlicher wurde... es hat mich geradezu abgestoßen, in eine Art Angsthysterie getrieben. Natürlich war ich nicht mehr der naive Bub, ich wußte, daß es Riten gibt, wo gepeitscht, Nägel in den Hintern gedrückt und Zigaretten auf der Haut ausgemacht werden... aber ich schrie, bis sie abließen... ich wollte gar die Polizei rufen...
Barwasser: Das Perverse beginnt ja dort, wo einem etwas aufgezwungen wird, was man nicht will. In SM-Kreisen ist die beiderseitige Bereitschaft wohl immer die Voraussetzung... dann ists okay.
Stauffer: Als ich aus der Wohnung war, bin ich gerannt, eine Stunde im Dauerlauf, quer durch die Stadt, wie ein gejagtes Reh... ich rannte meine Angst ab. Wallraff hat mir immer erzählt, daß er seine Angst nach irgend welchen Verkleidungsaktionen in den Kölner Adenauer-Anlagen einfach abrennt, drei, vier Stunden. Danach ist er davon befreit. Genau so ist es mir ergangen. Daheim war die Erschütterung dann weg... vor dem Spiegel sah ich erst die vielen Striemen und anderen Abschürfungen.
Barwasser: Stichwort Frottiertuch. Da gibts bei mir eine ähnliche Begebenheit, 1974, ich lebte von meiner Frau schon getrennt und lernte so einen ewigen Studenten kennen, der war damals vielleicht achtunddreißig, studierte noch immer, und ich vierundzwanzig. Er hatte eine ungeheure Ausstrahlung, dauernd befand ich mich auf dem Sprung, ihn zu berühren, war aber unsicher, weil ich nicht genau wußte... Irgendwann bemerkte ich, daß er masochistische Züge hatte. Und nach einiger Zeit war es dann soweit, er bat mich, ihn zu verprügeln. Aber er mußte zuerst eine Situation schaffen, um richtig leiden zu können. Man brauchte einen Aufhänger für die Bestrafung. Er sagte dann, er habe absichtlich irgend welche Klausuren verpatzt, mit Vorsatz... also erst die Verfehlung, dann die Sühneaktion... und die Strafe... von mir. Ich mußte ihn festbinden, an Händen und Füßen... das war etwas komisch, bei mir stellte sich nicht eine Ernsthaftigkeit ein, ich grinste und lachte während der Prozedur, ich war absolut unbeleckt. Da er sich nicht ernst genommen fühlte, wurde er furchtbar gereizt, böse, fast zum Sadisten, der mich dafür hätte umbringen mögen. Ich sollte ihn schlagen... Rücken, Beine, Hintern, die Hoden. Zuerst mit der Hand, aber das befriedigte ihn nicht so sehr. Ich erinnerte mich dann einer Peitsche, die mir eine Freundin aus Israel mitgebracht hatte - mehr so ein Zierrat für die Woh- nung -, sieben Riemen, im abdrehbaren Schaft steckte eine stumpfe Klinge. Damit wollte er Zunder bekommen. Ich muß gestehen, erst war es nur ein Streicheln, ich konnte ihm nicht weh tun, er wirkte so unschuldig und fast zerbrechlich... doch ich steigerte mich dann, als ich sah, daß seine Lust mit jedem Schlag größer wurde... und ich erregte mich auch daran...schließlich peitschte ich los wie die Sau: Du faules Schwein, willst Du wohl endlich fleißig sein und lernen! Wumm!! Damit die nächste Klausur nicht daneben geht! Wumm!! Ich reiß Dir die Rübe ab, wenn Du nicht endlich was tust! Wumm!! Er hat gewimmert, ich solle ihm verzeihen, er wolle sich bessern. Was, verzeihen?! Wumm!! Noch einen Zug über die Hoden, patsch, eine Volle über den Rücken. Und ich war hinterher auch fertig...
Ein anderes Mal bat er mich zu sich. Er hatte eine Art Katheder im Zimmer, daran mußte ich ihn festzurren. Ich habe es abgelehnt, mir gefiel diese Chose nicht mehr, obwohl wir, wie ich spürte, beide etwas davon gehabt hätten. Es war auch noch zu neu für mich, unentdeckt... Ich steckte zu dieser Zeit voller Aggressionen, die Trennung von meiner Frau hatte mich unausgeglichen gemacht. Ich hätte mich abreagieren können und gleichzeitig wäre der Student glücklich und befriedigt gewesen. Vielleicht fürchtete ich mich auch davor, ihn falsch zu behandeln, ich hatte keine Ahnung... keine Übung... es war völliges Neuland... ich glaube, in meiner gesteigerten Wut hätte ich ihn noch umgebracht. Trotzdem ist es später noch einmal zu einer Prozedur gekommen, wo ich mich danach geschämt habe, weil ich nicht geahnt hatte, welche Bösartigkeit auch in mir steckt, welcher Sadismus. Da verlangte er von mir, mit einem Bambusrohr verdroschen zu werden. Ich rief eine Freundin an, erzählte ihr das ganze und fragte sie, woher ich den Bambusstock bekäme. Aus dem Blumengeschäft. Und die war war davon erwartungsvoll angetan und wurde immer neugieriger. Schließlich vereinbarten wir, daß ich sie antelefonieren und den Hörer neben den Apparat legen würde, so daß sie alles über die Leitung mit anhören könne. Mein Student kam - in der Leitung die Freundin. Ja, pervers! Ich war jetzt in einem Produktionszwang, wissend, es gab einen Zuhörer, dem ich was bieten mußte. Ich habe ihn derart verdroschen, daß ich mir immer mieser vorkam. Aber er wollte noch geknebelt werden, er fand es wohl aufregend, auch noch Erstickungsanfälle zu erleiden. Das habe ich dann mit dem Frottiertuch gemacht, in seine Nasenlöcher wollte er Kaugummi gesteckt bekommen. Du kannst mir glauben - je heftiger ich auftrat, umso lustvoller wimmerte er, ihm saß die Ausgeburt der Verzückung in jeder Pore, er hat stramm ejakuliert. Und die Freundin hat mir gestanden, sie hätte dieses Erlebnis via Telefon als stimulierend und erotisierend empfunden. Grotesk war aber auch die anschließende Ernüchterung: er meinte, aus mir würde nie ein guter Meister das könne man auch nicht lernen. Und ich hatte mich zuvor verausgabt bis zur Selbstaufgabe... ich war nicht mal mehr Herr über mich selber...
Stauffer: Sehr eigenartig.
Barwasser: Erst weist man es von sich - damit habe ich nichts zu tun. Und dann entdeckt man, daß man doch zur Gewaltanwendung fähig ist. Manchmal spüre ich auch, daß diese Lust an Gewalt schon in mir vorhanden ist, nicht so sehr die physische Gewalt, wohl mehr die psychische... so eine subtile Form... es hat etwas mit Degradierung zu tun... Aggressionen, Emotionen an anderen abbauen. Beim Lederotto habe ich immer den Drang, ihn absolut zu beherrschen - er verlangt diese Rolle auch von mir, er liebt meine Fähigkeit geradezu... er geht immer sehr zufrieden und glücklich nach Hause. Dabei ist er viel älter als ich, auch viel kräftiger... er könnte mein Vater sein.
Stauffer: Vielleicht treibst Du es in diesem Moment auch mit Deinem Vater und willst es ihm heimzahlen?
Barwasser: Mag sein, daß es meinem Vater gilt. Es liegt noch vieles unverarbeitet in mir drin. Diese Defizite gebe ich zu.
Stauffer: Ich habe nach dieser Architektengeschichte Aggressionen und Angst auch abgebaut, nur auf andere Art, indem ich das nämlich abrannte in diesem Spurt heimwärts. Man weiß aus der Verhaltensforschung von Tieren, welche Rolle dieses Abreagieren spielt. Tiere, die wahnsinnig gestreßt werden, die müssen sich im Käfig oder Koben abreagieren, meist durch wildes Umherwühlen. Rehe rennen noch Kilometer ab, wenn die Jagd längst vorbei ist. Schweine wälzen sich wie wild im Schlamm, können gar draufgehen dabei, weil sie sehr sensibel sind.
Barwasser: Bei Mäusen habe ich ähnliches beobachtet. Wenn die sich gebissen haben, rennen sie in die Käfigecke und beginnen, wie irre in der Streu zu scharren, springen und hopsen herum und schauen drein wie elektrisiert, so als würden sie durchdrehen...
Stauffer: Wie unter Poppers...
Barwasser: Nein, der Vergleich stimmt nicht... wie kommst Du darauf?
Stauffer: Weil ich eben Deine Jacke untersucht habe und feststellte, daß Du ein Fläschchen dabei hast.

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